an0N_1196866699zDie Leder-Frage
Ein Freund fragte mich einmal, warum dieTierrechtsbewegung gegen Pelze kämpfe, jedoch nicht gegen Leder. Er sagte, er könne nicht verstehen, warum wir den Gebrauch von Pelzen mit aller Härte ablehnen und zur gleichen Zeit unberührt von dem Gebrauch von Leder seien. Er meinte, daß beides eigentlich dasselbe sei: Tierhäute. Mein Freund ist nicht gerade aufgeschlossen für unsere Ziele, und die Frage war ein verdeckter Vorwurf doppelter Moral. Aber sie verwirrte mich, weil ich keine zufriedenstellende Antwort geben konnte. Es ist tatsächlich so: wir haben die Leder-Frage vernachlässigt, und es ist Zeit, daß wir uns den Tatsachen stellen.
Habt ihr euch jemals gefragt, warum unsere Städte voll von Geschäften sind, die Leder verkaufen, während überall Pelzgeschäfte und Pelzabteilungen dicht machen? Oder habt ihr euch darüber gewundert, daß es keine Leder-Alternative zu LYNX gibt (englische Vereinigung, die gegen den grausamen Pelztierhandel kämpft; der Übers.)? Oder warum so viele Leute der Tierrechtsbewegung dieses Zeug tragen?
Der Mythos vom Nebenprodukt
Es gibt mehrere Antworten zu diesen Fragen, aber die meist verbreitetste beinhaltet immer den Ausdruck Nebenprodukt", wie etwa nach dem Schema Tiere werden ihres Fleisches wegen getötet, nicht ihrer Haut wegen, also ist Leder ein Nebenprodukt der Fleischindustrie", und wenn Leder nur ein Nebenprodukt ist, dann können wir es genauso gut benutzen, da es sonst nur weggeworfen werden würde, und überhaupt, es nicht zu gebrauchen, rettet nicht das Leben von Tieren... oder wie auch immer die Rechtfertigung lauten mag.ein Wörterbuch definiert Nebenprodukt" als einen Gegenstand, der ungewollt bei der Herstellung eines anderen Produktes anfällt. Aber Leder ist nicht ein Nebenprodukt der Fleischindustrie, und es fällt nicht ungewollt an. Alle Bestandteile eines Tieres, welches im Schlachthaus getötet wird, können vermarktet werden. Seine Muskeln, Fett und die meisten seiner inneren Organe werden als Fleisch verkauft. Sein Blut wird zur Herstellung von Tierfutter und Dünger verwandt. Seine Hörner, Hufe und Knochen werden gebraucht, um Gelantine herzustellen. Seine Augen gehen vielleicht in eine Schule zum Sezieren. Seine Haare werden zur Herstellung von Pinseln und als Polsterfüllung gebraucht. Seine Haut wird zu verschiedenen Formen von Leder verarbeitet (vgl. Victor S. Sussman: Grenzen des Vegetarismus". In: Der Vegetarier 6/1989.; der Übers.). Die Haut eines Tieres stellt etwa ein zehntel des Gesamtwertes für das Schlachthaus dar. Wie Peter Singer in seinem Buch Befreiung der Tiere" (Hirthammer Verlag.; der Übers.) schreibt, spielt der Verkauf von Häuten für die Herstellung von Leder eine bedeutende Rolle für die Rentabilität der Fleischindustrie.
So wie man den Körper eines Tieres als Rohstoffquelle ansieht, aus der beliebige Organe zu einer Reihe von nützlichen Produkten weiterverarbeitet werden können, so wird Rohöl als Ausgangsstoff für die Weiterverarbeitung zu Benzin, Kerosin, Bitumen, Butangas, usw. benutzt. Kerosin macht etwa 10 % des Wertes von Rohöl aus. Es wird als Treibstoff für Flugzeuge und als Paraffin gebraucht, aber Kerosin ist nicht ein Nebenprodukt des Benzins. Genauso wie Leder hat es seinen ganz eigenen Wert.
Der Mythos von der alten Kuh
Also gut, Leder ist also kein Nebenprodukt des Fleisches, aber sicherlich fügt die Pelzwirtschaft den Tieren größeres Leid zu als die Fleisch- und Lederindustrie.
Und kommt denn nicht das meiste Leder von alten Kühen, die ein relativ angenehmes Leben auf dem Bauernhof verbracht haben?
Der Mythos liegt hier in der Vorstellung, daß mit der Produktion von Leder bedeutend weniger Grausamkeit verbunden ist als mit der Produktion von Pelzen. Selbst wenn es so wäre, würde es nicht den Gebrauch von Leder entschuldigen, da die Tatsache, weniger grausam zu sein, nicht einen Zustand tolerierbar macht. Aber es ist nicht wahr. Der Unterschied im Leiden liegt in der Art und nicht in der Stärke.
Der größte Teil des Leders, das Leute kaufen, ist weiches Leder, je weicher, desto besser. Weiches Leder ist kostbares Leder. Schuhe, Handtaschen, Portmonais, Brieftaschen, Sofas und Jacken werden alle aus weichem Leder hergestellt. Aber weiches Leder kommt nicht von alten Kühen. Es kommt von jungen Kälbern. Das allerweichste, kostbarste Leder kommt vom ungeborenen Kalb einer trächtigen Kuh aus dem Schlachthaus. Viele Fleischesser lehnen den Verzehr von Kalbfleisch aufgrund der offensichtlichen Grausamkeit gegen Kälber ab, also warum tragen die meisten Vegetarier und viele Aktivisten der Tierrechtsbewegung weiterhin deren Häute?
Eine Frage des Geldes?
Liegt der Unterschied zwischen Leder und Pelzen in ihrem Preis? Ich hoffe nicht, aber diese Möglichkeit fiel mir ein. Es ist eine bekannte Tatsache, daß Pelze immer nur für die wenigen Wohlhabenden zugänglich waren. Auf der anderen Seite können sich die meisten Leute Lederwaren leisten. Ich weiß, es klingt zynisch, aber es ist einfach, eine Tätigkeit abzulehnen, die man sich selbst allemal nicht leisten kann. Vielleicht wird ein ähnlich zynischer Mensch hinzufügen, daß dem Jagen von Füchsen mehr Beachtung geschenkt wird als dem weitaus bekannteren Sport" des Angeins!
Nun mag argumentiert werden, daß es besser sei, unsere Bemühungen auf Gebiete zu konzentrieren, bei denen eine größere Wahrscheinlichkeit auf Erfolg besteht. Es ist wahrscheinlicher, daß wir das Jagen abschaffen können als die Fischerei, und es wird einfacher sein, den Pelzhandel abzuschaffen als den Fleisch- und Lederhandel. Natürlich ist das richtig, aber du brauchtst nicht zwischen zwei Mißständen zu wählen, lehne einfach beide ab. Kaufe keinen Pelzmantel und kaufe auch keinen Ledermantel!
Es wird viele geben, die viel von dem, was ich über die Lederfrage sage, akzeptieren, die es aber nichtsdestotrotz weiterhin benutzen. Sie geben meist vor, das Tragen von Leder nicht zu mögen, aber sie hätten keine Wahl. Ist nicht die Entschuldigung, keine Wahl zu haben", diejenige, welche von den Tierversuchsleitern angegeben wird? Geben sie nicht vor, daß sie Tiere in Experimenten gebrauchen müssen, da es keine Alternative gebe?
Es gibt immer Alternativen zum Leder und die Alternativen sind im allgemeinen billiger als das Echte". Wie oft habt ihr sagen hören, daß es keine Alternativen zum Fleisch, zu Eiern, Kuhmilch und anderen tierischen Produkten gibt? Natürlich BRAUCHT niemand tierische Produkte zu verwenden, aber viele Menschen MÖCHTEN es. Aber was Menschen mögen, sollte niemals verwechselt werden mit dem, was Menschen brauchen, und es ist ganz offensichtlich, daß niemand darauf angewiesen ist, Leder zu gebrauchen.
Ein eingefleischtes Verhalten?
Jeder noch so kleine Beitrag zur Reduzierung von tierischem Leiden ist eine gute Sache. Ein Fleischesser, der weniger Fleisch ißt, sollte uns willkommen sein und ermutigt werden, noch weniger zu essen. Aber wer für sich in Anspruch nimmt, für die Tierrechte zu arbeiten, muß sich von jedem Vorwurf von doppelter Moral befreien können. Wenn wir in unseren Versuchen, andere Menschen von einem Lebensstil frei von jeglicher Gewalt zu überzeugen, erfolgreich sein möchten, muß unser Verhalten andere davon überzeugen, daß wir alles erdenkliche für das Erreichen unserer Ziele tun. Wie kann jemand, der Lederschuhe oder eine Lederjacke trägt, darauf hoffen, andere davon zu überzeugen, keinen Pelzmantel zu tragen? Sie haben nicht das moralische Recht, es überhaupt zu versuchen.
Es ist eine traurige Tatsache, daß viel zu viele Leute in der Tierrechtsbewegung nicht imstande sind, sich von tierischer Ausbeutung zu befreien. Sie, wie diejenigen, die sie beeinflussen wollen, ziehen es vor, taub für das Leid in Gebieten wie der Milchwirtschaft und der Lederherstellung zu sein. Sie mögen ihre Milch und ihre Lederschuhe und wollen lieber nicht unangenehme Fragen gestellt bekommen.
Aber der Gebrauch von Tierhäuten für Kleidung, Luxusartikel oder Möbel beinhaltet tierisches Leiden, das in der Abstufung vergleichbar ist mit demjenigen, das von jeder anderen Form von Tierausbeutung verursacht wird. Wir können das Problem nicht mehr länger ignorieren.
von: David Lane / Campaign against leather and für (CALF!)
Die Campaign against leather and für (CALF!) Ist eine neue englische Gruppe, die sowohl die allgemeine Öffentlichkeit als auch die Vegetarier- und Tierrechtsbewegung über die Frage des Leders aufklären möchte.
Ausführliches Info-Material (in englisch) kann bei folgender Adresse angefordert werden (bitte kleine Spende für Portokosten beilegen!):
CALF!, BM Box 8889, LONDON WCIN 3XX,
England
Ins Deutsche übersetzt von Oliver Busse
Der Vegetarier, Nr. 4, Juli/Aug. 1992, Seite 154-156
Vegetarier-Bund Deutschlands e.V., Blumenstr. 3, 30159 Hannover, Tel. 0511-3632050, Fax 0511-3632007, www.vegetarierbund.de
http://www.vegetarierbund.de/nv/dv/dv\_1992\_4\_\_Die\_-Leder-Frage.htm