Wille versus Natur
Vielleicht kann man das Moralische etwas relativieren. Ich selbst bin in einem 4-Generationen-Haus aufgewachsen und was sich zunächst toll anhört (es war immer jemand für die Kinder da), geht durchaus mit einer nicht ganz unerheblichen sozialen Kontrolle einher. Damit verbunden war ein recht konservativ-moralisches katholisch geprägtes Weltbild. So hatte ich als junger Mensch vollstes Verständnis für Frauen (in Romanen usw.), die nach einer Vergewaltigung nicht mehr leben wollten, bzw. für deren Männer, die sich danach von diesen Frauen zurückzogen oder sie verstießen. Nun lehrt einen das Leben ja das eine oder andere und meine Haltung wurde in dem Maße moderater, wie ich erwachsener wurde (dieser Reifungsprozess wird vermutlich erst mit dem Tod beendet - bitte melden, falls jemand andere Erfahrungen gemacht hat ;-).
In diesem hier diskutierten Punkt ist für meine persönliche Haltung die Wende vor ca. 3 Jahren eingetreten. Ich wollte damals mal wissen, was meine Kinder so auf Facebook treiben und habe mich dort angemeldet. Die Kinder waren nicht soo begeistert, stattdessen meldete sich plötzlich eine ehemalige Freundin, die ich schon seit knapp 20 Jahren verschollen glaubte, aus einem afrikanischen Land, wo sie ihren Lebenstraum des Aufbaus einer kleinen Firma in der Tourismus-Branche mit ihrem Mann verwirklicht hatte. Und es kam, wie es kommen musste: Über das ganze Aufwärmen der gemeinsamen Erinnerungen und das Ausmalen, wie es hätte werden können, wenn wir uns damals nicht getrennt hätten, kamen wir uns ziemlich schnell wieder näher - es war für mich gleichermaßen verblüffend, erschreckend und auch super schön. Ihre Ehe lief wohl schon seit Längeren nicht mehr rund, meine Beziehung war aber intakt und OK. Nichtsdestotrotz eskalierte das Ganze derart, dass ich bereit war, mich während ihres nächsten Deutschland-Aufenthaltes mit ihr zu treffen und mindesten 3 Tage mit ihr in einem Romantik-Hotel zu verbringen - und wären die Vorlaufzeiten für den Deutschlandaufenthalt nicht so lang gewesen, wir hätten das auch umgesetzt. So aber kam eine Periode, in der mir immer mehr Zweifel kamen und ich mich immer mehr zwischen dem Wunsch, mit dieser alten und nun wieder neuen Freundin ein paar heiße Nächte zu verbringen, und meinen Ansprüchen an mich und meine Moral zerrieben fühlte. Am Ende habe ich die ganze Sache abgeblasen, weil es für mich einfach nicht mehr ging.
Nachdem sich die Wogen der Frustration bei meiner alten Freundin und mir sich gelegt hatten, fragte ich mich etwas verwundert, wie es dazu hat kommen können. Und da ich nicht beantwortete Fragen nicht so gerne habe, habe ich versucht, mich systematisch mit dem Thema auseinanderzusetzen. (Vorläufiges) Ergebnis in Kurzform: In unserem biologischem Verhaltensrepertoir ist duchaus auch der mehr oder weniger regelmäßige Seitensprung vorgesehen. Zumindest legen dies die Forschungsergebnisse von einigen Anthropologen nahe - auch wenn diese noch nicht allgemein in der Anthropologen-Gemeinde akzeptiert sind (sehr lesenswert: "Sex at Dawn", soll angeblich demnächst auch auf deutsch erscheinen). Demgegenüber stehen die Errungenschaften unserer heutigen "Hochkulturen" - also erlerntes sozial akzeptiertes Verhalten, was das Zusammenleben vieler Menschen auf engen Raum ermöglicht oder wenigstens ermöglichen soll. Sprich: Wir stehen immer im Spannungsfeld zwischen unserer Natur und unserem Selbstbild, wie wir glauben, dass wir sein müssen, um in unserer Gesellschaft sozial akzeptiert zu sein. Und manchmal gewinnt dann eben die Natur ...
Soweit die Vorrede, der Rest ist kürzer: Also, Du hast einen Fehler gemacht, den Du offensichtlich bitter bereust und der darin besteht, dass Du Deiner Natur in einem unachtsamen Moment nicht genügend Willen entgegengesetzt hast. Ohne darüber urteilen zu wollen, Alkohol ist aus meiner Sicht nur eine unzureichende Rechtfertigung, muss aber mit in die Überlegung einbezogen werden, da er die Hemmschwelle (wahrscheinlich millionenfach bewiesen) heruntersetzt. Ich unterstelle, dass jemand, der für Ärzte ohne Grenzen arbeitet, hohe ethische Standards hat, was vermutlich auch seine Sexualmoral betrifft. Jemanden jedoch abzuschneiden, keine Möglichkeit zur Rechtfertigung und ggf. Wiedergutmachung zu geben, erscheint mir dagegen etwas sehr brutal. Unfähig zu sein, zu verzeihen, ist auch nicht so richtig ethisch einwandfreies Verhalten - zumindest ist es nicht so unzweifelhaft, als dass es nicht mit zum Teil recht extremen Positionen diskutiert werden kann - wie man hier im Forum sieht. Und nicht mehr mit Dir zu reden, kann man als konsequent einschätzen - oder aber als etwas unreif. Letzteres glaube ich mit Hinweis auf meine Vorrede über meine eigene Entwicklung sagen zu dürfen.
Jetzt nochmal ein Satz zu Deinem Verhalten: Einsicht in die eigenen Fehler zu zeigen, zu ihnen zu stehen und offen und ehrlich mit ihnen umzugehen, zeugt meiner Ansicht nach von einer hochmoralischen Grundhaltung - Hut ab vor Deinem Mut, Fehlverhalten hin oder her! Bitte bleibe mutig und bleibe auch ehrlich. Feige Menschen und Lügner sind keine Bereicherung für diese Welt.
Ob das Alles Dir weiter hilft? Na ja, wenn Dein Ziel ist, diesen Mann zurück zu gewinnen, wird es ohne seine Mitarbeit nicht funktionieren. An dieser Stelle bist Du von ihm abhängig und wenn er diese Gelegenheit, selbst menschlich zu wachsen verstreichen lässt, dann kannst Du nichts dagen tun. Vielleicht trefft ihr euch in 20 Jahren mal wieder und ihr fragt euch dann, wieso es so hat auseinander brechen müssen ... Oder ihr rauft euch zusammen und ihr wachst beide - was ich euch wünsche, sofern ihr beidseitig Liebe füreinander empfindet.
Wie immer es jedoch mit Deinem Freund ausgeht, früher oder später wirst Du diese Zeit mit allen ihren Höhen und Tiefen und den Rollen, die Dein Freund und Du darin gespielt haben, in Dein Leben einordnen. Manchmal muss man eben alleine größer werden, was nicht unbedingt ein schmerzfreier Prozess ist ...
Auf jeden Fall wünsche ich Dir alles Gute und viel Glück!
PanGolin