Hallo,
ich bin bis jetzt eher Leser gewesen hier, aber das Verhältnis zu meiner jüngeren Schwester belastet mich so sehr, dass ich es einfach mal loswerden muss. Danke für's lesen! 
Wir sind dreieinhalb Jahre auseinander, inzwischen mitte und ende zwanzig, unsere Eltern seit 12 Jahren geschieden.
Meine Schwester war immer eher eine Vater-Kind, ich eher ein Gemisch. Allerdings habe ich schon viele Jahre grosse Probleme mit meinem Vater, die sich hauptsächlich an meiner in seinen Augen gescheiterten Schulkarriere und meinem darauf folgenden Studium aufgehängt haben. Er hat mich nur am Anfang unterstützt, dann bekam ich psychische Probleme wie Selbstzweifel, Depressionen und Posttraumatische Belastungsstörung und könnte mein Studium nur langsam fortsetzen - obwohl mich das leider viele Jahre gekostet hat, bin ich mittlerweile glücklicherweise auf einem grünen Zweig und es geht mir nach einer Therapie sehr viel besser..!
Die Probleme hatten auch mit ihm zu tun, denn er hat mir seit ich denken kann immer versucht einzureden, dass das was ich machen möchte aus irgendeinem Grund falsch ist oder nicht zu mir passt.
Noch dazu studiere ich etwas künstlerisches, das der Familie insgesamt nicht bei jedem auf Anklang stiess.
Kurz, meine letzten 10 Jahre waren eher steinig und ich hätte gerne viel mehr geschafft.
Meine Schwester ist das Gegenteil, sie hat schnellstmöglich ein Studium durchgezogen, ist seit letztem Jahr fertig, arbeitet schon mehrere Jahre in ihrem Job, hatte immer die Unterstützung unseres Vaters und man kann sie auf jeden Fall als um einiges erfolgreicher bezeichnen als mich.
Allerdings habe ich seit 11 Jahre schon einen Freund, sie hatte ihre erste Beziheung erst mit über 20 (und hat sie immer noch).
Früher war ich zu Hause eher die defensive und hatte viel Angst vor meinem Vater, sie war unglaublich stur, konnte tagelang beleidigt sein und hat so immer bekommen, was sie wollte.
Unser Verhältnis war mal gut und mal schlecht, allerdings oft angespannt, ich hatte auch vor ihr viel Angst, weil ich es damals als ziemlich bedrohlich empfunden habe, dass sie sich so gut wie immer durchsetzten konnte und dabei, man muss es leider so sagen
, auch keine fiesen Mittel scheute. Es liefen auch die üblichen Spielchen zwischen "klein und gross" ab, sie wollte immer alles was ich hatte, nahm es mir im Zweifelsfall wenn möglich weg (das ging so bis vor zweieinhalb Jahren) oder verpetzte mich, wenn ich mal etwas tat, was ich eigentlich noch nicht durfte. Im Gegenzug hab ich sie dann genervt aus dem Weg gescheucht, wobei ich mich trotzdem immer so unsicher fühlte und nie wusste, wie ich das anstellen sollte.
Sie hat immer Terror gemacht wenn ich etwas durfte wofür sie noch zu klein war und es lief meistens darauf raus, dass ich dann ihr zuliebe darauf verzichten musste. Ich durfte abends im Bett kein Buch lesen, weil sie dann "traurig" war z.B.. Natürlich hatte ich deswegen oft eine riesen Wut auf sie und auch auf meine Eltern und bin ihr ab meine Pubertät viel aus dem Weg gegangen, wenn es mir möglich war.
Mit 16 habe ich mich gegen die autoritäre Art meines Vaters (der mich immer als "Problem-Kind" sah, sie nicht) aufgelehnt, auf einmal hatte ich keine Angst mehr vor ihm sondern war hauptsächlich wütend über die Verbote und den Tonfall, in dem er immer mit mir redete.
Das Familienleben kippte daraufhin völlig, meine Mutter nahm mich zum ersten Mal in Schutz und ein Jahr später zog mein Vater aus. Man muss dazu sagen, dass meine Eltern auch vorher schon eine sehr schwierige Ehe hatten, die erstaunlicherweise so lange hielt, trotzdem war es ein schrecklicher Schock für mich, dass mein Vater quasi wegen mir ging.
Daraufhin terrorisierte er mich mit Briefen und wir konnten uns nicht einmal sehen, ohne dass er mir stundenlange Standpauken über meine Schulnoten hielt (ich war in dem Scheidungs-Sommer auch noch durchgefallen). Ein Jahr später brach ich die Schule ab, weil ich darin die einzige Möglichkeit sah, endlich Ruhe von ihm zu haben. (mir ist heute schon klar, dass sowas Eltern tendenziell nicht gerade beruhigt
)
Doch das war ein Irrtum, er stürzte sich natürlich auf mein Vorhaben, Musik studieren zu wollen, das wollte ich schon seit ich denken konnte und hatte auch nicht die allerschlechtesten Karten, sogar Empfehlungen von Lehrern.
Er brachte mich blöderweise mit seinen Gegenargumenten dazu, doch an meinem Vorhaben bzw. meinen Erfolgschancen zu zweifeln, obwohl ich vom Herzen her immer wusste, dass ich es wollte.
Ich zog es dennoch durch, da ich schon erkannte, woher meine Zweifel kamen und dachte, wenn ich hart genug an mir arbeite, dann kriege ich das in den Griff.
So einfach war es nicht, es wurde immer schlimmer, ich bekam Krämpfe beim üben und starke Prüfungsangst, hatte überhaupt kein Selbstbewusstsein mehr am Instrument und alles gipfelte darin, dass ich irgendwann in einer Zwischenprüfung mit Karacho durchflog. Das hat mich lange verfolgt und mein Selbstbild war echt am Boden - mein Leben war wie zu einem Albtraum geworden und ich konnte gar nicht glauben, dass nichts so lief, wie ich es mir früher vorgestellt hatte.
Glücklichweise fand ich nicht sehr lange danach eine super Therapeutin, mit deren Unterstützung ich die Jahre darauf (also die letzten) wieder auf die Beine kam und auch zum ersten Mal das Gefühl hatte, einen klareren Blick auf meine Familie zu haben und einiges verarbeiten zu können.
Das Problem mit meiner Schwester ist leider geblieben. Natürlich hat sich die Situation seit der Trennung unserer Eltern eher verschärft, ich denke sie nahm es mir übel, denn sie war noch jung und in ihren Augen habe ich wahrscheinlich ihren geliebten Vater verjagt. Ich habe in vielen Gesprächen versucht, ihr einfach mal meine Sicht zu schildern aber auch gesagt, dass ich verstehe, wie schwierig alles für sie war.
Sie warf mir vor, ich häte sie immer blöd gefunden. Was nicht stimmt, aber natürlicht hatte sie in sofern recht, dass ich sie oft in Situationen blöd fand, die ich oben beschrieben habe. Das habe ich ihr auch erklärt und auch, dass ich heute den Fehler eher bei unseren Eltern sehe, die nicht geschafft haben, einigermassen faire Verhältnisse zu schaffen als wir Kinder waren und deshalb auch für viel Zündstoff gesorgt haben.
Wir hatten mehrere "Aussprachen", nach denen alles besser war, aber kurz darauf merkte ich immer wieder, wie ungern sie mich sieht, dass sie sehr unfreundlich zu mir ist bis hin zu unverschämt usw.. Sie hängt sich immer an die Leute aus der Familie, mit denen ich Probleme habe bzw. die wirklich schlecht hinter meinem Rücken über mich und das was ich mache reden und ist absolut unloyal.
Ich habe das Gefühl, dass sie mir nichts gönnt und einerseits auf mich herabschaut, aber mich andererseits, so absurd es für mich in dem Kontext der ganzen Geschichte wirkt, beneidet.
Und das nicht erst seit der Scheidung, das Gefühl kenne ich schon viel länger. Ich weiss nur nicht, worauf! Ich bin etwas schlanker als sie, das ist aber auch alles was mir einfällt, und sie ist nicht dick und hat ein süsses Gesicht.
Ich verstehe es wirklich nicht, sie hat so viel geschafft und könnte noch viel mehr. Sie wirkt eher verbissen und kühl, wogegen ich inzwischen glaube ich das Leben etwas entspannter sehe inzwischen.
Aber das könnte sie doch auch! Wo kommt das alles her?
Erstmal, falls jemand mit dem Lesen hier unten angekommen ist, vielen Dank dafür, ich weiss es ist sehr lang, aber es bedeutet mir sehr viel, ich habe zum ersten Mal das alles einfach aufgeschrieben, was echt gut tut!
Danke!!